Aus der Geschichte unseres Dorfes

von
Ernst Zöfelt (verst.)
Kantor und Hauptlehrer in Großkniegnitz

Näherten wir uns von Heidersdorf-Senitz her auf der Kunststrasse unserem Heimatdorfe, so bekamen wir in der Höhe der früheren "Fichtner"-Mühle (spätere Besitzer Bruschke und Salomon) freien Blick über das zu unseren Füßen liegende langgestreckte Großkniegnitz, das sich vom Westen nach Osten hinzieht. In seiner Mitte ragt die Kirche mit ihrem wuchtigen Zwiebelturm über die schmucken Häuser und Obstgärten hinaus.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich das Bild des Ortes gewaltig verändert. Stattliche Steinhäuser waren an die Stelle der ursprünglich einfachen Bauten getreten. Rote Ziegeldächer leuchteten über den weißen Häuserreihen, und die ursprünglichen Schaubendächer, die früher so oft Feuersbrünste begünstigt hatten, waren nicht mehr zu finden.

In der Zeit zwischen 1300 und 1350 war der Ort nach deutschem Recht "umgesetzt" worden. Für die herbeigerufenen, siedlungswilligen Bauern aus dem Westen unseres Vaterlandes wurde die Dorfanlage als "Straßenangerdorf" gestaltet, d.h. die Dorfstraße teilte sich, und zwischen den Reihen der Bauernhöfe hüben wie drüben blieb ein langgestreckter, ovaler, freier Platz: der Dorfanger.

Von diesem Anger war zu unserer Zeit kaum noch etwas zu erkennen. Er war im Laufe der Entwicklung - besonders in den Jahren von 1690 bis 1740 - mehr und mehr bebaut worden: Handwerker errichteten ihre Werkstätten. Häusler fanden hier ihren Baugrund, die "Baderei" (gegenüber der "Alten Schule") wurde eingerichtet, in der Nähe der Kirche entstand später die Schule, und andere Stücke des Angers kamen als Gärten zu einigen Gutshöfen. Auch der "Alte Friedhof" war ein Teil des Angers, und selbst ein neuer Hof, das "Lehnsgut", wurde auf ihm angelegt. Ihm schloss sich der Gerichtskretscham an.

Zur Hauptverkehrsstrasse hin entwickelte sich der nördliche Teil des geteilten Dorfweges, an dem, durch kleine Vorgärten getrennt, noch heute die Bauernhöfe dicht an der Strasse liegen. Der südlich gelegene Weg wurde zur "Kleinen Seite", an der die übrigen Höfe und das Pfarrgrundstück zu finden waren.

Der "Lokator", der die Ansiedlung der Bauern durchgeführt hatte, bekam einen größeren Teil der zur Verfügung stehenden Hufen, daneben übertrug ihm der Grundherr, in dessen Obereigentum das Dorf blieb, das Schultheiß- oder Scholzenamt. Der "Schulze" hatte für Ruhe und Ordnung zu sorgen, musste Grundzinsen und sonstige Abgaben einziehen, erhielt den dritten Heller oder Pfennig von Strafgeldern (während die zwei anderen Drittel an den Landes- oder Gutsherrn fielen) und war Vorsitzender des Dorfgerichtes. Das Gut, die "Erbscholtisei", erhielt er zu "Erb und Eigen". Mit dem Scholzenamt waren weitere Vergünstigungen verknüpft, z.B. Brau- und Kretschamrecht, Bäckerei- und Schlächtereigerechtigkeit.

Die Husseiteneinfälle (1427 - 1435), die von Böhmen her erfolgten, hatten 1429 zur Eroberung des Festen Schlosses Nimptsch geführt, das die Eindringlinge bis 1435 als Zwingburg benutzten. Von hier aus drangen sie immer wieder in die umliegenden Dörfer ein, um sie zu plündern und zu brandschatzen. Das bis dahin sich aufwärts entwickelnde Bauerntum wurde schwer heimgesucht. Die Landflucht begann.


Auch die Landesherren erlitten gewaltige Schäden und sahen sich oft gezwungen, aus ihrem Grundbesitze Dörfer zu veräußern oder gegen Ritterdienste zu vergeben. So erfahren wir aus einer "Generalmusterung des Nimptscher Landes" nach den Husseitenkriegen (1470) die Namen folgender Besitzer, die Teile von Großkniegnitz innehatten:

1. Hans Borsnitz von Prauß, dem neben einem Teile von Prauß auch Gollschau und Gorkau gehörten.
2. Georg Bischofsheim, genannt Latusky, der außer reichem Besitz im Kreise Strehlen auch Kurtwitz besaß, wo er wohnte, daneben unterstanden ihm Teile von Reichau und Strachau.
3. Georg Benisch, genannt Seckil, dem Vogelgesang, Reisau und Teile von Senitz zu eigen waren.
4. Hedwig von Biedau,
5. der Abt von Grüssau.

Nach den Husseitenkriegen blieben die Zeiten auch weiterhin unruhig. Gesetzlosigkeit und Wegelagerei brachten dem Lande große Not. So manche Bauernstelle war verlassen, lag "wüste" und wurde von den Grundherren eingezogen. Die Lasten an Abgaben und Dienstleistungen wurden immer härter und die Unfreiheit der Bauern nahm mehr und mehr zu, bis sie nach und nach in "Erbuntertänigkeit" überging. Dazu kamen die Kriegsnöte des Dreißigjährigen Krieges, in dem Schlesien besonders 1626 - 1635 und 1639 - 1648 heimgesucht wurde. Dem "Bauernlegen", das unter der österreichischen Herrschaft immer weiter um sich gegriffen hatte, bereitete der "Alte Fritz" nach der Eroberung Schlesiens ein Ende. Auch bemühte er sich um die Behebung der Schäden, die die "Schlesischen Kriege" verursacht hatten. Jedoch ein freies und selbstbewusstes Bauerntum schufen erst die Reformen des Freiherr von Stein. Wenn auch die Ablösung der Erbuntertänigkeit von den Bauern große Opfer forderte, so war doch nun der Weg für eine Aufwärtsentwicklung gegeben. Mit den verbesserten Verhältnissen stieg auch die Einwohnerschaft unseres Dorfes. Im Jahre 1785 zählte man 584 Einwohner, hundert Jahre später bereits 1171. Die Höchstzahl wurde im Jahre 1900 mit 1196 Einwohnern erreicht. Sie sank allmählich bis zur Volkszählung 1939 auf 1029 Einwohner.

Neben Bauern und landwirtschaftlichen Arbeitern fand sich zuletzt auch eine beträchtliche Anzahl von Beschäftigten (rd. 1/5tel der Dorfbewohner), die in der Zuckerfabrik Kurtwitz oder in den Steinbrüchen von Schmitzdorf oder Gorkau ihr Brot verdienten.

Zur Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung waren im Dorfe vorhanden:
3 Bäckereien (Dittrich, Hanke, Instinsky), 2 Fleischereien (Kirchner, Tiepold),
3 Kaufläden (Mende Richard, Mende Theodor, Schmidt), 2 Schmiedebetriebe (Anwalt, Lache), eine Stellmacherei (Gerstel), 2 Tischlereien (Bittner, Hermann), 3 Schuhmachereien (Geisler, Ulrich, Wilhelm sen., Lüthi), ein Elektrobetrieb (Nulle), eine Autowerkstatt und -verleih (Geisler).

Der "Gerichtskretscham" (Böhm), die Gasthäuser von Mende, Göring und Karl Wilhelm waren die Gaststätten des Dorfes.

Das Ende des 2. Weltkrieges brachte die Vertreibung aus unserer Heimat und nahm damit alles, was in Jahrzehnten erarbeitet oder gar seit Generationen erworben und gemehrt worden war.

Nur die Erinnerung blieb. Sie kann uns niemand rauben.


**********
Diesen Artikel schrieb Herr Ernst Zöfelt, Hauptlehrer und Kantor in Großkniegnitz, im Jahre 1961/1962. Er wurde veröffentlicht im Gemeindebrief des Herrn Pastor Klose aus Februar 1962. Herr Zöfelt verstarb im Jahre 1964.