"Grosskniegnitz im Nimptscher Land" von Ernst Ponert (verst.)

 

 

Bis zum Jahre 1932 gehörte Großkniegnitz zum Kreis Nimptsch in Schlesien. Nach der Auflösung dieses Landkreises wurde das Dorf dem Kreise Reichenbach/Eulengebirge zugeteilt. Es war ein Dorf mit ca. 1.030 Einwohnern, aufgeteilt in ca. 125 Wohngrundstücke.

 

 

Der überwiegende Teil der Bevölkerung war evangelischen Glaubens. Nach "Süden" begann das Vorgebirge zu den Glatzer Bergen und zu den Sudeten, die Eichberge. Nach "Norden" erstreckte sich die überaus fruchtbare "Mittelschlesische Acker- u. Tiefebene", bis hin an die Oder.

 

Deshalb bestand das Dorf vorwiegend aus ca. 40 landwirtschaftlichen Betrieben. Es war ein typisches "Anger- oder Reihendorf", einst von deutschen Siedlern nach fränkischer Art angelegt. Längs der Dorfstraße links und rechts lagen die prächtigen Bauernhöfe. Zu jedem Bauernhof gehörte ein großer Obst- u. Gemüsegarten. Von jedem Bauernhof aus führten die Feldwege in südlicher oder in nördlicher Richtung hinaus in die Felder. Diese Feldwege gehörten zu dem jeweiligen Bauernhof.

 

Der ursprünglich einmal vorhandene "Anger" wurde im Laufe der Jahre mit Bürgerhäusern bebaut.

Reste einer einmal früher bestehenden Mauer, die um das gesamte Dorf ging, waren teilweise noch vorhanden. Bei der Bearbeitung der Felder ca. 1 km südlich des Dorfes, die ab des Feldweges Richtung Silbitz bzw. ab des Fußballplatzes in östlicher Richtung verliefen, fand man Tongefäße, größere und kleinere gebrannte Tonscherben, sowie Steinäxte und von Menschen bearbeitete, rundliche Steine, die einmal den Menschen zum Zerreiben oder zum Zermahlen von Getreide dienten. Außerdem sind noch einige Pfeilspitzen, Gürtelschnallen und Broschen aus Bronze gefunden worden.

 

Die größeren, wertvolleren Gegenstände sind an das Heimatmuseum in Nimptsch abgeliefert worden, während einige kleinere Scherben und Gegenstände in einem Schulklassenzimmer, in einem Schrank hinter Glas, aufbewahrt wurden.

Alle diese Funde aus der Stein- und Bronzezeit lassen darauf schließen, dass in dieser Gegend einmal eine germanische Siedlung bestand. Wahrscheinlich ist sie während der Zeit der Völkerwanderung, oder auch aus anderen Gründen, verlassen und aufgegeben worden.

 

Der größte landwirtschaftliche Betrieb des Dorfes bewirtschaftete eine Fläche Land von ca. 2.344 preußischen Morgen (A.K.Rohde) Dieser Betrieb bestand aus einem größeren Stamm-Gutshof und aus mehreren Zweighöfen, die früher einmal selbständigen Bauern gehörten und die aber immer noch die Namensbezeichnung der ehemaligen Besitzer trugen.


Die Erbscholtisei, der zunächst größere Bauernhof, hatte 320 pr. Morgen Land (zunächst Schyma, danach Neumann). Zwei weitere Bauern besaßen 256 pr. Morgen (Dehmelt-Grötzky) und Walter Adolf mit 218 pr. Morgen Land.
Einige kleinere Bauern waren sog. Nebenerwerbslandwirte. Das heißt, sie übten neben der Landwirtschaft noch einen anderen Beruf aus oder umgekehrt.

 

In der Mitte des Dorfes stand eine Kirche mit zwei Glocken. Hier übten von 1924 - 1934 der Herr Superintendent Petran und bis zur Vertreibung der ev. Pfarrer, Herr Pastor Klose, die Seelsorge aus. Ein alter und neuer Friedhof waren vorhanden.

 

Im Dorf gab es ebenfalls eine neue und eine alte Schule. Hier lehrten: Herr Zöfelt als Hauptlehrer und die Lehrer Herr Radewahn und Herr Knobloch.

 

Bürgermeister bis zur Vertreibung war Herr Walter Adolph. Das Gemeindeamt wurde früher von Herrn Kindler und zuletzt von Herrn Kurt Scholz verwaltet. Standesbeamter war der Kaufmann Schmidt. Bis ca. 1928 sorgte auch ein Gendarm (Migura) für Ruhe und Ordnung. Die Arrestzelle war im Feuerspritzenhaus. Gleich nebenan wohnte der Gemeindediener und Friedhofswärter. Früher war dies Herr Pape, und bis zur Vertreibung Herr Pauli. Es waren noch 4 Feuerlöschteiche vorhanden. Davon diente einer als Pferdeschwemme, weil mitten in ihm und an einer Seite je eine Quelle einmündete (der Mälzteich).

 

Es gab noch keine zentrale Trinkwasserversorgung, sondern mit Handpumpen wurde das Grundwasser gehoben und genutzt. Die Abwässer versickerten zum Teil in oberirdischen offenen Gräben, oder starke Regenfälle wurden in die vorhandenen Teiche geleitet. Das "Häuschen mit Herz" stand außerhalb der Wohngebäude. Elektrischen Strom gab es seit ca. 1937/38.

 

Ein Wahrzeichen des Dorfes waren die beiden Windmühlen (Bruschke und Kleinert).

 

In vier Gasthäusern konnte man einkehren: Göring, Blaukegel = Wilhelm-Karl, Böhm-Gustav und Mende-Theodor. Bei Göring, Wilhelm und Böhm waren je ein Tanzsaal vorhanden, im Saal von Böhm stand eine Bühne für Laientheateraufführungen. Im Gasthaus Böhm war auch die Poststelle von Großkniegnitz. Bei Theodor Mende stand eine SHELL-Tankstelle.

 

Es gab außerdem zwei Brennereien, in denen vorwiegend Kartoffeln in Alkohol umgewandelt wurden. Eine davon stand bei Rhode im Hof des Dominiums und die andere stand bei Theodor Mende.

Der Wald in den Eichbergen wurde von Großkniegnitzer Förstern betreut. Diese hießen: früher Sydschlag, danach lange Zeit Gellrich, zuletzt Goldmann.

 

In drei Lebensmittelgeschäften konnte man einkaufen. Beim Mende-Richard, beim Mende-Theodor und beim Schmidt Kaufmann.

 

An handwerklichen Betrieben waren vorhanden:
Zwei Fleischereien (Tiepoldt und Kirchner), viele Hausschlachtungen wurden vom Spielmann-Max und vom Haase-Alfred ausgeführt.

 

Obwohl viele ihr Brot selbst gebacken haben, existierten zwei Bäckereien (Instinsky und Hanke). Das Dominium hatte ein eigenes Backhaus mit einem Bäckermeister (Spielmann). Zwei Stellmacher gab es auch. Davon hatte Herr Gerstel einen eigenen Betrieb. Beim Dominium waren Herr Stieglitz und Reimann-Meister tätig.

 

Zwei Dorfschmiede (Anlauf und Lache), zwei Tischlereien (Bittner- u. Herrmann-Tischler), ein Elektrogeschäft (Nulle), einen Friseur (Tiffert), zwei Schuhmacher (Geisler und Ulrich), eine Gärtnerei (Kunze), eine Sattlerei (Wende) sowie ein Fahrradgeschäft mit Reparatur und Mietautobetrieb (Geisler-Paul) gab es ebenfalls.

 

Für gute Kleidung sorgte ein Herrenschneider und eine Damenschneiderin (Lukas-Schneider und Frl. Selma Wende).

Der Herr Pietsch kaufte früher von den Bauern die Butter und Eier, um sie in der Großstadt wieder zu verkaufen. Nachdem die Milch aber in die Molkereien abgeliefert werden musste, sammelte er mit einem Lastauto die vollen Milchkannen ein und brachte sie in eine Molkerei.

 

Der Bittner-Paul flocht aus Weidenruten die begehrten Körbe zum Kartoffeln-Klauben. Der Herr Urner stellte im Winterhalbjahr Bürsten jeder Art her und verkaufte sie im Sommerhalbjahr, mit einem von Hunden gezogenen Handwagen, in den Dörfern der Umgebung.

 

Wer nicht Landwirt, Gewerbetreibender oder Handwerker war, verdiente seinen Lebensunterhalt vorwiegend als Tagelöhner beim Dominium oder bei einem der größeren Bauernhöfe. Viele arbeiteten in Kurtwitz, in der Zuckerfabrik, oder sie liefen täglich nach Silbitz oder nach Schmitzdorf, um in den dortigen Basaltsteinbrüchen ihr Geld zu verdienen.

Einen Bahnhof gab es auch in Großkniegnitz. Von hier aus verkehrte zweimal täglich ein Zug in Richtung Kurtwitz oder in Richtung Silbitz, Schmittsdorf und Lauenbrunn.

 

An Vereinen gab es im Dorf: Eine freiwillige Feuerwehr, einen Sportverein, einen Frauenbund, einen Kirchenchor und einen Kameradenverein.


Im gesamten Dorf waren drei katholische Familien vorhanden. Sie gingen nach Prauß zum Gottesdienst, und deren Kinder mussten ebenfalls in Prauß in die Schule gehen.

 

Bei drei Familien war ein Elternteil polnischer Herkunft. Ein Mann von ihnen war beim Dominium als Gutsverwalter tätig. Er musste sich überwiegend um die polnischen Gastarbeiter oder die oberschlesischen Landarbeiter bzw. Landarbeiterinnen kümmern, die alljährlich zur Getreide-, Zuckerrüben- oder Kartoffelernte kamen.

Ein Familienoberhaupt war ein ehemaliger serbischer Kriegsgefangener, der nach dem ersten Weltkrieg nicht in seine Heimat zurückgekehrt war.

 

Gemäß der beiden Ehrentafeln, die in der Kirche an der Wand neben dem Altar hingen, sind im ersten Weltkrieg (1914 - 1918) aus Großkniegnitz 53 männliche Dorfbewohner nicht aus dem Krieg zurückgekehrt.

 

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